Um mal wieder auf das Herz zu sprechen zu kommen ....
Ich lese schon seit einiger Zeit - häppchenweise, weil ich zwischendurch das Gelesene immer erst verdauen muss - das Buch "Der unendliche Augenblick" der Philosophin Natalie Knapp. Wenn ich irgendwann fertig bin, mehr dazu.
Im zwölften Kapitel, das den gleichen Titel trägt wie das gesamte Buch schreibt sie über die Zeit bzw unsere Wahrnehmung der Zeit. Um die ganze Sache zu verstehen könnte man auch einfach Momo (von Michael Ende) lesen. Natalie Knapp hat das getan und zitiert Meister Hora: "Denn so wie ihr Augen habt, um das Licht zu sehen, und Ohren, um Klänge zu hören, so habt ihr ein Herz, um damit die Zeit wahrzunehmen." Meister Hora macht es möglich, dass Momo im Inneren ihres eigenen Herzens sehen kann, wie die wirkliche Zeit, ihre "kostbare Lebenszeit von Augenblick zu Augenblick durch den Einklang ihres Herzschlags mit dem Rhythmus des Universums gezeugt wird. Ihre ganz persönliche, einzigartige Zeit entfaltet sich in jeder Stunde in Form einer neuen Blume, von denen keine der anderen gleicht." (N. Knapp, S. 255)
Natalie Knapp erklärt dann im weiteren, dass auch wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt haben, dass unsere Zeitwahrnehmung tatsächlich sehr strak mit dem Rhythmus unseres Herzens zusammenhängt.
Mich hat das fasziniert und ich trage diesen Gedanken nun schon einige Tage mit mir herum. Immer wieder fällt es mir ein und dann versuche ich meinen Herzschlag wahrzunehmen und mich daran zu erinnern, dass ich hier meine ganz persönliche Lebenszeit klopfen höre oder spüre.
Meine ganz persönliche Lebenszeit. Überall auf der Welt wird Zeit in dieselben Einheiten eingeteilt - Sekunden, Minuten, Stunden - und aufeinander abgestimmt. Das ist etwas höchst unpersönliches und gaukelt uns vor, dass wir alle sozusagen immer die gleich Zeit haben. In Wahrheit ist Zeitwahrnehmung aber etwas sehr Individuelles. Es gibt Monate in meinem Leben, die ich so intensiv erlebt habe, dass eine Zeitspanne von zb 4 Monaten mir völlig unpassend erscheint. Andere Lebensjahre könnte ich dafür auf ein paar Wochen runterkürzen. Und das ist so, weil es meine ganz persönliche Lebenszeit ist, die nur ich so erlebt habe und erlebe. Das Konstrukt unserer Zeit mit der Uhr als Gehilfin ist dafür eigentlich völlig unpassend. Und vor allem macht es Stress! Und leider fallen wir wie die meisten Freunde von Momo auch auf die Lüge herein, dass es möglich ist, Zeit zu sparen. Sobald ich aber damit anfange rinnt sie mir nur noch mehr durch die Finger. Wenn ich aber kurz innehalte und mich auf meinen Herzschlag und somit meine so persönliche Lebenszeit konzentriere, dann wird die Zeit plötzlich langsamer. Meine ganz persönlichen Uhrzeiger ticken auf einmal langsamer. Wirklich! Ich probiere das jetzt öfter aus und komme trotzdem nicht ständig zu spät :-) Meine ganz persönlichen Lebensminuten werden mir aber wertvoller und ich bekomme mehr mit von diesen Stunden, die immer so schnell vergehen. Und ich glaube, dass es auch umgekehrt funktioniert. Es gibt ja auch Momente im Leben, die bitte möglichst schnell vorbei sein sollen. Wenn ich sie allerdings mit echter Präsenz durchlebe und mich nicht schnell durchzuschwindeln versuche, dann vergehen sie vielleicht nicht schneller, aber sie nehmen einen anderen Verlauf, weil ich wirklich dabei bin und sie anders gestalten kann. Ich bin mir fast sicher, dass es so ist :-)
Danke, Natalie Knapp und Momo, ihr habt mir eine weitere Hilfe gegeben, in meinem Lebens-Versuch dem Herzen zu folgen! Schlag für Schlag....
P.s. "Momo" lesen ist absolut keine Zeitveschwendung - egal wie sehr deine Lebenszeit schon fortgeschritten ist! ;-) Und dann auch gleich "Die unendliche Geschichte" (aber bitte nicht den Film schauen, den fand auch Michael E. nicht gut!)
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