Sonntag, 18. Februar 2018

Blumen in der Wüste

Heute vor drei Jahren war ungefähr der vierte von neun Tagen, die ich in der Wüste verbracht habe. Sahara, Marokko. Mit dieser Reise per Flugzeug, Auto, Kamel und zu Fuss hat eine innere Reise begonnen, die mir so viel Unerwartetes gebracht hat, dass ich es fast gar nicht glauben kann, wenn ich heute an all das zurückdenke.

Was hat die Wüste mich gelehrt?

Die erste grosse Überraschung war, dass die Wüste auch grün sein kann und dass es Blumen gibt, die sich sogar im Wüstensand behaupten können. Das Leben findet also seinen Weg, auch unter denkbar ungünstingen Bedingungen.


Apropos ungüstige Bedingungen.. Sturm war unser steter Begleiter in den ersten Tagen. Und nach der ersten Sturmnacht war meine Vermutung, dass wir nun erstmal ein wenig abwarten würden und schauen, wie die Lage sich entwickelt.... Davon war allerdings nicht mal annähernd die Rede... aufstehen, frühstücken, Sachen packen (vom Toilettengang berichte ich nicht so ausführlich..) und weitergehen. Einfach weitergehen. Ob Sonne oder Wind, wir gehen unseren Weg. Es war ein kleiner Kampf, aber dann das Tagesziel zu erreichen, umso schöner. Der Wind ist nicht mein Feind. Nur meine Angst davor, ihm nicht gewachsen zu sein. So ist der Wind mein Freund geworden.


Das Leben im Hier und Jetzt - ohne Wenn und Aber. (siehe Mariana Leky) Das lehrt der Sturm. Das erlebst du in der Wüste. Kein Handyempfang. Keine Ablenkungen. Keine Möglichkeiten, abzuhauen. Nur diese Menschen, die mit dir unterwegs sind, keine anderen.
Und: Stille. Schönheit. Das nächtliche Sternengewölbe. Kälte. Klarheit. Einfachheit. Unendliche Weite. Die Intensität der Farben. Die Sonne. Der Morgen, der Abend, die Nacht. Licht und Schatten. Dem allen ausgesetzt. Mit allen Sinnen. Mit meinem ganzen Körper. Mir selbst ausgesetzt.


Die Wüste ist jeden Tag anders. Niemals eintönig. Ich habe dem Wort "Wüste" viel unrecht getan. Jemanden in die Wüste schicken.... ja! Weil ich jedem diese eindrückliche Erfahrung wünsche!

  

Staunen über die Wunder der Schöpfung. An einem Ort, von dem ich mir Kargheit erwartet hätte.



Das Unterwegs-Sein. Tag für Tag. Nur heute. Die Uhrzeit vergessen und das Ticken der inneren Uhr langsam wahrnehmen. Nach meiner ganz persönlichen (Lebens-)Zeit leben. 
Kleine Rituale entwickeln. Mich zurecht finden mit den Gegebenheiten, die eben da sind. Fast alles ist möglich.
Hunger spüren und den Geschmack einer Dattel geniessen. Arabischen Tee lieben lernen! :-)


Die Erfahrung der Gemeinschaft. Aufeinander Angewiesen-Sein. Einander vertrauen. Sich zeigen, wie man ist. Annehmen, wie der andere ist. Zuhören. Erzählen. Lachen. Schweigen. Staunen. Sich an die anderen gewöhnen. Zusammen gehören. Einander ein Stück des Weges begleiten. Miteinander essen. Aufmerksam-Sein. Rast unter einem grossen, alten Baum finden. 
Gar nicht mehr zurück wollen... Aber wissen, dass es unvergesslich bleiben wird und seine Prägung hinterlassen hat. 


Vor Wüsten-Zeiten im Leben muss ich keine Angst haben. Auch, wenn ich mir nicht vorstellen kann, wie ich durch sie hindurch komme. Eine schöne Frisur ist dabei nebensächlich.
Es gibt Unerwartetes zu entdecken und es wird schöner als ich mir vorstellen kann. Ich kann gegen den Sturm ankommen. Es dauert seine Zeit und ist anstrengend im Sand einen Berg zu erklimmen, aber es zahlt sich so sehr aus! Ich werde wochenlang danach immer noch Sandkörner in den Schuhen finden, weil diese Zeit nicht einfach so an mir vorbeigeflogen ist. Es bleibt etwas.
Ich werde Menschen treffen, die mein Leben verändern können.



"Leben heißt, langsam geboren zu werden. Es wäre auch zu bequem, wenn man sich fertige Seelen besorgen könnte." (Antoine de Saint-Exupery)


Freitag, 16. Februar 2018

Das Besondere suchen

Ein kleiner Gedanke, der mir am Aschermittwoch gekommen ist. Der Tag war schon fast geschafft - denn ich gebe zu, dass ich an Tagen, an denen ich versuche zu fasten, nicht unglücklich bin, wenn sie sich dem Ende neigen.
Aber genau darum geht es jetzt :-) Also. Ich war in der Kirche und mit dem Aschenkreuz auf meiner Stirn dann am Heimweg. Vorbei an den gewohnten Würstelständen und Geschäften, die immer noch offen hatten und vor mir dann jemand, der eine riesige Tafel Schokolade im Rucksack stecken hatte.  Und ich hab gedacht, dass für die meisten Menschen heute ein Tag wie jeder andere ist. Was ich aber sehr schätze am christlichen Glauben bzw in dem Fall eher an der Art, wie der Glaube seinen Ausdruck findet ist, dass nicht jeder Tag wie der andere ist. Zum Beispiel der Sonntag ist besonders. Allein der Besuch eines Gottsdienstes und dass ich dem eine Priorität für diesen Tag gebe, macht ihn zu einem besonderen Tag, den ich anders verbringe als die anderen Tage. Es soll ein Tag sein,der mich an die Freude erinnert. 
Und dann spezielle Zeiten wie die Fastenzeit. Eine Zeit, in der wir versuchen, uns auf wesentliches zu besinnen und zu beschränken. Natürlich ist das alles irgendwie künstlich, weil es festgesetzte Zeiten sind, die nicht immer zu meiner momentanen Lebenslage passen oder meiner Emotion entsprechen. Aber als ich da an diesem Aschermittwoch durch die Strassen gegangen bin und alles genauso war wie sonst auch, habe ich gedacht, dass es gut ist, dass wir uns manchmal Zeiten und Tage schaffen, die anderes sind. Denn das Leben ist in Wahrheit eben auch nicht immer gleich. Wir tun zwar so als ob, weil va durch das Internet immer alles und zu jeder Zeit möglich und abrufbar ist, aber so ist es eigentlich nicht. Schlimme Ereignisse wie zb der Tod eines Menschen, reissen uns heraus und zeigen uns sehr klar, dass im Leben von einer Minute auf die andere alles anders sein kann. Aber gibt es nicht noch viel, viel mehr Nuancen, die mein Leben aus den verschwommenen Graustufen heraushebt? Was hindert mich daran, einen Sonnenstrahl zu geniessen und eine Strassenbahn dafür fahren zu lassen, um einfach für ein paar Minuten, nichts besonderes denkend, mir die Sonne ins Gesicht scheinen zu lassen? Sind das 5 verlorene Minuten oder vielleicht ein gewonnener Tag? Oder die Armut eines Bettlers nicht sofort aus der Wahrnehmung zu wischen, sondern davon bewegt zu sein. Und auch, wenn ich ihm im Moment nicht helfen kann, zu schauen, was diese Betroffenheit mit mir macht. Berühmte Geschichten wie die von Franziskus zeigen, dass sowas das ganze Leben verändern kann....
Oder: Einen Gedanken (wie den, den ich am Mittwoch hatte) aufzuschreiben und ihm nachzugehen. Ihn nicht gleich gehen lassen. Ich habe jetzt im Schreiben auch viel mehr davon zu fassen bekommen, als vorher, als er noch ein interessanter Gedanke in meinem Kopf war. Aber das hat ein bisschen Zeit gebraucht und die Entscheidung, mich hinzusetzen und diese Zeit dafür zu geben.
Also, das soll Fastenzeit für mich sein. Nicht jeden Tag gleich sein lassen, sondern dem Besonderen und Wichtigen nachgehen. Auch und vor allem im scheinbar Unscheinbaren...

Montag, 5. Februar 2018

Natur-Lehr-Pfad

Samstag Nachmittag: alles grau in grau, (dr)innen und draussen. Was tun? Ich hab mich ein bisschen gesträubt, aber es war klar, dass die Komfortzone verlassen werden muss. Also bin ich raus in den Wald. Es gibt Momente, in denen muss man sich dem Wind, der Kälte und dem Gatsch aussetzen.


Wenn ich zuviel Zeit vor dem Computer und mit mir allein verbracht habe und merke, dass ich versuche mein inneres Loch, das sich manchmal auftut mit Dingen zu füllen, die das Loch nur grösser machen, dann hilft am besten die Bodenständigkeit der Natur. Wenn ich beim Bergaufgehen merke, dass mein Herz noch schlägt und mir der Wind im Gesicht sagt, dass ich Kraft genug habe, meinen Weg auch gegen Widerstände zu gehen, dann lichtet sich die innere Unordnung wieder. Auch die Gedanken hören auf, sich wild im Kreis zu drehen und lassen sich inspirieren von der Weisheit der Natur. Von diesem Baum zum Beispiel:


Er hat mich an einen Satz erinnert, den ich vor einigen Tagen gelesen hatte und der mich seitdem sehr treu begleitet. Barbara Pachl-Eberhart erzählt in einem Interview, was "warten" für sie bedeutet. Nämlich, dass es kein "sinnloses Absitzen von Zeit ist. (...) Warten bedeutet, auf schnelle, vordergründige Begehrlichkeiten und Forderungen an das Leben zu verzichten und stattdessen zu spüren, was als nächstes in einem reif ist." Und dazu ein Zitat, das ich bei Nicky Gumble auf Instagram gelesen habe: "Who you become while you are waiting is as important as what you are waiting for." Ja... das bestätigt dieser Baum. Starke Wurzeln, robuster Stamm. Dafür braucht es wirklich Zeit. Aber den wirft so schnell nichts um...

Ich gehe weiter und weil es eben nun mal kein schöner Tag war, meldet sich eine kleine Wutwolke zu Wort... Nämlich als ich dieses Herz am Boden liegen sehe:


Schön eigentlich. Aber mir war nicht nach "schön" und auch nicht nach Kitsch. Und so habe ich dem armen Herzen einen ordentlichen Tritt versetzt. So fest, dass es mir irgendwie leid getan hat. Also hab ich das Herz aufgehoben und es umgedreht:


Und dann bin ich richtig erschrocken. Dieses Herz hat eine tiefe Wunde. Und ich trete drauf herum....
Ich will die Botschaft, die mir hier auf den Weg gelegt wurde jetzt nicht weiter auslegen, weil es zu persönlich ist, aber ich will mit euch teilen, dass es hilfreich ist, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Und dass ich manchmal etwas an-greifen muss, um etwas Tieferes zu be-greifen. Und diese Dinge sind oft gar nicht so verborgen, sie liegen manchmal mitten am Weg. Ich muss sie nur sehen (man sieht nur mit dem Herzen gut...) und meiner Intuition (in dem Fall den Stein aufheben und genauer anschauen) nachgehen.

Ich hab das (schwere) Herz mit seiner Wunde dann ein Stück mit mir getragen und an einen guten Ort gebracht. Zu einer Kapelle. Und ich glaube, dass es dort Heilung erfahren wird. Ich hab es ruhigen Gewissens dort gelassen und bin be-reicher-t nach Hause gegangen.